Mein liebes Tagebuch

Gibt’s bald wieder einen Apothekenstreik? Vielleicht. Wäre gut. Aber dann bitte bundesweit und mit mehr Wumms. Ohne scheint in Deutschland nichts mehr durchsetzbar zu sein. Und für uns Apothekers schon gleich gar nicht. Die Grünen-Politikerin Piechotta will nur schauen und ausloten, aber nicht handeln. Lauterbach und Co. haben nur Missachtung und Misstrauen uns Apothekers gegenüber – das 50 Cent-Angebot fürs Lieferengpass-Management sagt alles. An eine echte Honorarerhöhung (mehr als 10 Euro mindestens) ist auch in Zukunft nicht zu denken. Und eine allgemeine Fortführung der erleichterten Abgaberegeln, wie sie in der Pandemie-Zeit möglich waren, soll nicht kommen, nur für bestimmte dokumentierte Arzneimittel. So werden aus Lieferengpässen dann Versorgungsengpässe. Das Ministerium schaut achselzuckend zu. 

20. Februar 2023

Arg viel hat sie nicht gesagt, die Grünen-Berichterstatterin für Apothekenthemen Paula Piechotta, selbst promovierte Ärztin. Im DAZ-Interview ist sie den Fragen, wie bei Politikerinnen und Politikern üblich, aalglatt ausgewichen. Ihr allgemeiner Tenor: Ja, es gebe auch im Apothekensektor Reformstau, aber das seien nicht die drängendsten Probleme. Außerdem, derzeit forderten alle Berufsgruppen im Gesundheitswesen mehr Geld, auch die Apothekerinnen und Apotheker. Aber es sollten doch lieber alle dazu beitragen, dass das GKV-System stabil bleibt. Und daher glaubt sie auch nicht, dass den Apotheken mit dem 50-Cent-Honorar fürs Management der Lieferengpässe geholfen wäre – sie möchte lieber Bürokratie abbauen, das sei zielführender. Beides, mein liebes Tagebuch, so wird ein Schuh daraus. Und apropos Bürokratie, was ist mit Nullretax? Parteikollege Habeck hatte doch schon angedeutet, dass diese Thema auf den Tisch kommen wird. Piechotta will da erstmal „genau hinschauen“, „das werden wir in den Gesprächen ausloten müssen“. Und auf die Frage nach mehr Geld für pharmazeutische Dienstleistungen ging sie gar nicht erst ein. Mein liebes Tagebuch, das sagt eigentlich alles: Auch für die Grüne Piechotta laufen die Apotheken nur unter „ferner liefen“. Motto: Fein, wenn sie sich so schön anstrengen und den Betrieb und das System am Laufen halten. Aber mehr Geld? Da könnte ja jeder kommen. Dann lieber Bürokratie abbauen. Also, weg mit Nullretax? Nee, da müssen wir erst nochmal genau hinschauen. Und sollte es irgendwann mal mehr Honorar geben, dann nicht mit der Gießkanne, sondern nur für versorgungsrelevante Apotheken. Und welche Apotheken sind das? Piechotta: „Worauf es am Ende hinauslaufen wird, ist schwer zu sagen, weil es im Koalitionsvertrag nicht detailliert festgehalten ist.“ Mein liebes Tagebuch, sag ich doch, aalglatt. Ist das etwa eine Politik, die Apotheken wertschätzt? Mein Fazit: Schlimmer geht nimmer.

21. Februar 2023

Wie attraktiv ist eigentlich der Arbeitsplatz „öffentliche Apotheke“ für Schulabgänger und junge Menschen? Und welche Kriterien waren ihnen damals wichtig, als sie sich für diesen Arbeitsplatz entschieden haben? Die Apothekengewerkschaft Adexa will vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels diesen Fragen nachgehen und hat daher eine Umfrage gestartet. Gute Idee, mein liebes Tagebuch, vielleicht lässt sich daraus auch ableiten, warum so einige ausgebildete Apothekenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter der öffentlichen Apotheke den Rücken kehren und gekehrt haben. Ob es nur am Gehalt liegt, das im Vergleich zu anderen Arbeitsplätzen für Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (z. B. in der Industrie) eher im unteren Bereich angesiedelt ist? Andererseits, der Arbeitsplatz Apotheke, individuell und wohnortnah, oft flexibel beim Thema Arbeitszeit, hat doch viele Vorteile. Auf die Ergebnisse der Umfrage dürfen wir gespannt sein. Zur Umfrage (noch bis 28. Februar) geht es hier.

22. Februar 2023

Praxisbegleitender Unterricht im praktischen Jahr und Vorlesungen im Pharmaziestudium sollen in Zukunft auch online möglich sein. Das Bundesgesundheitsministerium hat eine entsprechende Verordnung zur Anpassung der Approbationsordnung auf den Weg gebracht. Mein liebes Tagebuch, die Corona-Zeit mit ihren Kontaktbeschränkungen hat uns gelehrt, was da alles mit digitalen Lehrformaten möglich ist. Und es funktionierte. Es zeigte sich: Nicht jede Vorlesung, nicht jede Lehrveranstaltung ruft nach einer persönlichen Begegnung von Lehrkraft und Studierenden. Mein liebes Tagebuch, es wird eine Erleichterung für viele Studierende sein, wenn sie einige Vorlesungen des Pharmaziestudiums online verfolgen können. Profitieren werden vor allem auch diejenigen, die das praktische Jahr nicht an ihrem Studienstandort absolvieren. Sie mussten mitunter weite Wege in Kauf nehmen, um den praxisbegleitenden Unterricht zu besuchen. Kammern können diesen Unterricht dann digital als Videokonferenz anbieten. Damit aber keine falsche Vorstellungen entstehen: Das Ministerium macht in der Begründung zum Entwurf darauf aufmerksam, dass natürlich Seminare und, ganz klar, Arbeiten im Labor nicht digital stattfinden können. Das wird auch weiterhin nur persönlich stattfinden. Den Kochkurs in Pharmazie gibt’s auch in Zukunft nur live und nicht in der Glotze.

23. Februar 2023

Bereit für einen neuen Streik? Also, für einen kleinen Protest ähnlich wie am 19. Oktober des vergangenen Jahrs? Ein bisschen die Apotheke schließen, Flugblätter verteilen und so? Der Apothekerverband Schleswig-Holstein (AVSH) befragt zurzeit seine Mitglieder, ob sie daran Interesse hätten. Ja, mein liebes Tagebuch, schön, dass ein Verband die Initiative ergreift. Grund dafür gibt es genug! Seit Februar zahlen die Apotheken einen erhöhten Kassenabschlag, seit zehn Jahren haben die Apotheken keine Honoraranpassung erhalten, keinen Inflationsausgleich und nun bietet uns Lauterbach läppische 50 Cent, wenn wir uns bei Lieferengpässen um einen zeitaufwendigen  Austausch der Arzneimittel kümmern müssen. Also, wenn das nicht nach Streik ruft! Ob’s aber dieses Mal vielleicht ein bisschen mehr sein darf, als nur kurz mal am Mittwochnachmittag schließen? Und was hat es uns letztes Mal überhaupt gebracht? Das kommt auf die Sichtweise an. Der Apothekerverband Schleswig-Holstein meint zwar, es sei ein starkes Zeichen gewesen. Aber, mein liebes Tagebuch, außer ein paar Nachrichten und Notizen in den Medien hat es unterm Strich nicht wirklich viel gebracht und schon gar nicht unser Problem gelöst: Wie zum Trotz hatte die Bundespolitik dann postwendend beschlossen, den Kassenabschlag zu erhöhen. Vielleicht, mein liebes Tagebuch, sollten wir bei einem neuen Streik ein bisschen forscher vorgehen. Die Initiative des AVSH in allen Ehren, aber brächte es nicht ein bisschen mehr Wumms, wenn so ein kleiner Apothekenstreik bundesweit stattfände und nicht nur regional in ein paar wenigen Ländern? Und vielleicht auch nicht nur mal kurz zuschließen, sondern mal einen Tag lang? Wenn man verfolgt, wie Streiks in anderen Branchen Flughäfen und Bahnhöfe komplett lahmlegen und noch 10,5 Prozent mehr Lohn fordern, dann dürfen wir Apothekers ruhig mal einen Tag lang schließen (Notdienste ausgenommen). Sonst kriegen wir nie mehr Honorar.

24. Februar 2023

„Ich habe den Eindruck, dass wir ApothekerInnen mit unseren Teams nur noch lästige Kostenverursacher sind, die ausgequetscht werden können“, sagt Stefan Hartmann, Chef des Bundesverbands Deutscher Apothekenkooperationen (BVDAK) in seiner Pressemitteilung und unterstützt ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening mit ihrem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Lauterbach. In diesem Brief hatte Overwiening u. a. die von Lauterbach vorgesehene 50-Cent-Vergütung für das Management bestimmter Engpässe als einen „Ausweis von Missachtung und Misstrauen uns Apothekerinnen und Apothekern gegenüber“ hervorgehoben. Hartmann legt allerdings noch einiges drauf: Er nennt es „eine Unverschämtheit“, dass das Apothekenhonorar seit 2004 nicht angepasst wurde und jetzt auch noch um 23 Cent gekürzt wird. Seine klare Forderung: „Das Honorar muss auf über 10 Euro ohne Kassenabschlag angehoben werden, daneben müssen die erleichterten Austauschregeln beibehalten werden, die Präqualifizierung und die Null-Retax-Regelung abgeschafft werden“. So ist’s recht, mein liebes Tagebuch, man kann es nicht oft genug und laut genug sagen, wie die Politik mit uns Apothekers umgeht und unsere berechtigten Forderungen einfach ignoriert. Aber Hartmann hat auch konkrete Forderungen an die ABDA: Die Struktur des Apothekennotdienstes sollte komplett neu und bundesweit EDV-gestützt geregelt werden. Hartmanns Vorschlag: Turnusnotdienste mit maximal einem Notdienst im Monat von 8 bis 22 Uhr seien „vollkommen ausreichend“, heißt es weiter. Mein liebes Tagebuch, da sind wir mal auf die Diskussionen dazu gespannt.

 

Die in Zeiten der Pandemie mit der SARS-CoV-2-Arzneimittelversorgungsverordnung eingeführten erleichterte Abgaberegeln für Arzneimittel, die den Apotheken mehr Beinfreiheit bei der Belieferung von Rezepten einräumen, haben sich bewährt. Viele Patienten konnten und können unbürokratisch und ohne Zeitverlust mit passenden Arzneimitteln versorgt werden. Diese Regelungen gelten allerdings nur bis Ostern. Und dann? Mit dem geplanten Lieferengpassgesetz soll es zwar auch weiterhin erleichterte Abgaberegeln für Apotheken geben, aber die Voraussetzungen werden enger gefasst: Sie sollen nämlich nur dann gelten, wenn ein versorgungsrelevantes Medikament betroffen ist, für das das BfArM einen Engpass festgestellt und diesen in einer neu zu schaffenden Liste dokumentiert hat. Im Vergleich zu den derzeit noch geltenden Regelungen ist das eindeutig eine Verschlechterung für die Patientinnen und Patienten – und ja, auch für die Apotheken, denn der Aufwand steigt damit. Außerdem wird sich das Lieferengpassgesetz mit Sicherheit nicht nahtlos an die bis Ostern geltende SARS-CoV-2-Arzneimittelversorgungsverordnung anschließen, es entsteht eine Lücke, bis das neue Gesetz in Kraft tritt. Das Ministerium bequemt sich nicht, hier eine Ersatzlösung zu finden. Dabei ist bekannt, dass den Apotheken während der Übergangszeit die Hände gebunden sind, um Arzneimittel einfacher auszutauschen – und das in Zeiten von mehr und mehr Lieferengpässen. Was das für die Apotheken und ihre Patientinnen und Patienten bedeuten wird, lässt sich nur erahnen: Lieferengpässe werden zu Versorgungsengpässe! Das Ministerium scheint dies achselzuckend in Kauf zu nehmen. Mein liebes Tagebuch, unfassbar! Der Frust der Patientinnen und Patienten trifft dann die Apotheken mit voller Wucht.
 

Und die Ärzteschaft setzt sogar noch eins drauf: Sie stellen sich der ABDA-Forderung, die erleichterten Abgaberegeln zu verstetigen, quer! Unfassbar! Die Funktionäre der Kassenärzte sind der Auffassung, der Austausch von Arzneimitteln über die Aut-idem-Regelung hinaus dürfe nur in Ausnahmefällen erlaubt sein. Und wenn die Apotheke austauscht, dann soll sie bitteschön an die Arztpraxis berichten, dass und was ausgetauscht wurde. Auf diese Berichtspflicht pocht die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Deren Vize, Stephan Hofmeister, warnt: „Wenn Patienten ein anderes Arzneimittel bekommen, als der Arzt oder die Ärztin verordnet hat, kann es schnell zu Fehlern beispielsweise bei der Einnahme kommen, und es birgt ein hohes Risiko einer Verschlechterung der Compliance.“ Mein liebes Tagebuch, wissen diese Funktionäre eigentlich, dass es Apothekerinnen und Apotheker sind, die die Arzneimittelfachleute sind! Und außerdem, die vereinfachten Abgaberegeln haben uns durch die Pandemiezeit bestens getragen ohne Berichtspflicht an die Praxen – von einer Verschlechterung der Compliance und von Einnahmefehlern haben wir nie etwas gehört. Mein liebes Tagebuch, wann lernt die Ärzteschaft endlich, dass Apothekerinnen und Apotheker sehr wohl gewissenhaft und kompetent mit Arzneimitteln umgehen können? 


Quelle: Den ganzen Artikel lesen